Gebärdensprache

Sl Dipl. Päd. Martin Dibold

Gebärden geben Menschen mit schwerer Behinderung mehr Möglichkeiten aus einer Art "Einwegkommunikation" auszubrechen, die allzu oft nur darin besteht, dass Aufforderungen von Betreuungspersonen gegeben werden, denen man Folge leisten soll, dass eigenes Verhalten mit den Worten anderer beschrieben bzw. gedeutet wird, dass eigene Wünsche und Bedürfnisse oft fehlinterpretiert oder gar nicht wahrgenommen werden.

Die gestischen Einwortzeichen der von uns verwendeten Gebärdensammlung* zeichnen sich durch einen "organischen" Bewegungsablauf aus, ihr Ausdruck ist einfach und treffend. Die Gebärden werden großteils auch von nicht eingeschulten Menschen verstanden bzw. in vielen Fällen spontan verwendet.
Die Gebärden sollen immer mit Wortsprache kombiniert werden. Sie erhalten auf diese Weise sprachunterstützende, sprachanbahnende und ausbauende Funktion. Ziel ist es u.a., Menschen mit schwerer Behinderung aus der Isolation des "Sich-nicht-mitteilen-könnens" herauszuführen und letztendlich - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - die Sprachfähigkeiten auszubauen.

Ich unterrichte seit mehr als zehn Jahren Kinder, deren schwere Behinderung es nur unzureichend ermöglicht, ihre Bedürfnisse in adäquater Weise auszudrücken. Es handelt sich hierbei oftmals um das Mitteilen-können von Grundbedürfnissen, die das leibliche Wohlergehen betreffen (essen, trinken, Toilette..), den Wunsch nach Veränderung einer bestimmten Situation wie z.B. das Herstellen eines (psychischen) Gleichgewichtes (bei Angst, Unsicherheit) oder die Beseitigung eines unangenehmen Zustandes (kalt, heiß, Ekel etc..)

Das Erlernen von Gebärden geschieht in einem langsam aufzubauendem Prozess. Ich konfrontiere die Kinder zunächst mit einer Gebärde, deren Bedeutung sie leicht verstehen (z.B. Essen = alle Finger der Hand berühren einander an der Spitze, Hand zum Mund führen). Als zweite Gebärde empfiehlt es sich, ein (von der Bewegung her) möglichst andersartiges Zeichen einzuführen (z.B. "aus! = nach oben flache Handflächen überkreuzen und übereinander auf die Seite ziehen). Hier wäre bereits ein deutlich alltäglicher Bezug hergestellt: "Das Essen ist aus!" oder: "Ich will nichts mehr essen!"

Beispiele: Tätigkeiten, Zustände, Eigenschaften, Gegensätze, Fragen, Aufforderungen, einfache Mitteilungen im Dialog etc.. Gegenstände, Situationen
essen, trinken, auf die Toilette gehen, kommen, liebhaben, schauen, warten, suchen, helfen, vergessen, wegwerfen.. Wo?, später, heute, da, jetzt, lieb-böse, gut, nochmal-aus, mehr-weniger, weg (verloren)-da, drinnen-draußen, kalt-warm, dunkel-hell, schwer-leicht, Hallo!, Auf Wiedersehen! Alltagsgegenstände (Kleidung, Taschentuch..), Werkzeug, Musik, Sport, Arzt, Straßenbahn...

* "Schau doch meine Hände an" - Sammlung einfacher Gebärden zur Kommunikation mit nichtsprechenden Menschen (Verband evangelischer Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.) Diakonie-Verlag Reutlingen, 1995

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